Mittwoch, 10. Mai 2017



Holzkohle-Proben


Leitfaden zur Erkennung, Bergung und Lagerung


Anna Bahß, Universität Zürich,
Institut für Archäologie, Fachbereich Prähistorische Archäologie




1.    Einleitung und Allgemeines

Für die Lehr- und Forschungsgrabung im Oberhalbstein (OHS) stellt die Fundgattung Holzkohle (HK) eine der wichtigsten Fundgattungen überhaupt dar. Mit ihrer Hilfe können Datierungen vorgenommen und es kann mehr über Verhüttungstechnologie, Holznutzung und human impact der eisenzeitlichen Bewohner herausgefunden werden. Deshalb ist es sehr wichtig, potentielle Proben

1) zu erkennen, 2) korrekt zu entnehmen und 3) korrekt zu verpacken.

Die wichtigsten Punkte in den drei Bereichen werden im Folgenden erläutert. Bitte folgt dem Leitfaden und lest das Blatt aufmerksam, da sonst die Funde und damit wichtige Erkenntnisse verloren gehen oder verfälscht werden könnten.

Bei generellen Fragen zum Thema wendet euch an Anna, Monika und Amir, die in den verschiedensten Bereichen rund um die HK des OHS weitreichende Kenntnisse besitzen.
Grundsätzlich ist die Strategie zur Bergung, Dokumentation und Lagerung der Funde mit dem Archäologischen Dienst Graubünden, Dendrochronologen und Anthrakologen definiert worden.


2.    Grundlagen: Dendrochronologie – Radiocarbondatierung – Anthrakologie

Dendrochronologische Analysen können vorgenommen werden, da HK auch bei Verbrennung Jahrringstrukturen beibehält. Die Grundlagen sind hier generell gleich wie bei unverkohltem Holz (Abb. 1). Die Jahrringe (JR) sind allerdings oftmals schwerer zu erkennen. Für die Dendrochronologie braucht man Einzelproben von möglichst hoher Qualität mit vielen Jahrringen.

Da HK im wesentlichen Kohlenstoff enthält, kann sie natürlich auch mittels Radiocarbondatierung (14C) bearbeitet werden. Hierbei ist jedoch vor allem der Altholzeffekt problematisch (vgl. BA-Arbeit von Amir), was bei der Analyse kleinster Fragmente von HK beachtet werden muss. Ist die Erhaltung der HK fragmentarisch, bietet die 14C-Datierung dennoch einen unverzichtbaren Anhaltspunkt, um das Alter von Fund und Befund eingrenzen zu können.

Anthrakologie bezeichnet allgemein die Studie von HK. Hier sind viele Teilbereiche angeschlossen – für die Archäologie ist sie relevant, da sie über statistische Verfahren und Holzartenbestimmung mehr darüber aussagen kann, welche Hölzer Menschen in welchem Kontext nutzten und welche Rolle der Naturraum und seine Veränderung bei der Holznutzung spielt/e. Für die Anthrakologie sind Einzelstücke, aber vor allem auch holzkohlereiche Bodenproben (je nachdem 3-10 Liter) wichtig. Die Holzart kann mit etwas Glück sogar für Stücke von nur einem mm Dicke bestimmt werden.



Lesetipp: I. Théry-Parisot/L. Chabal/ J. Chrzavzez,  Anthracology and Taphonomy, from Wood Gathering to
Charcoal Analysis. A Review of the Taphonomic Processes Modifying Charcoal Assemblages, in Archaeology Contexts. Palaeogeography, Palaeoclimatology, Palaeoecology 291, 2010, 142-153.


Abb. 1:  Schnitt durch ein HK-Fragment, zahlreiche Jahrringe erhalten (Foto ADG).


3.    Im Feld: Dendro- und 14C-Proben

1) Erkennen

Achtet auf alle HK-Stücke, denn die Grösse ist nicht ausschlaggebend für die JR-Zahl! Auf der Grabung gibt es jeweils eine Person (Anna/Monika/Amir), die die Stücke näher auf ihre Qualität überprüft. Meldet euch bei ihnen, wenn ihr das Potential eines Stückes bewerten wollt.

Sonst gelten folgende „Faustregeln“:

-      Manchmal kann man die JR im Sonnenlicht erkennen – sie schimmern silbrig.
- JR sieht man, wie auch bei Holz, nur auf der Querschnittseite. Diese können aber stark verschmutzt/sehr eng und deshalb „unsichtbar“ sein. → Die zuständige Person kann HK anschneiden, um JR sichtbar zu machen (nichts wegwerfen, nur weil ihr nichts erkennt!).
-      Härtere Stücken haben oft mehr JR als weichere (wegen der Dichte).
-      Eine Probe mit ca. 30+ JR gilt als gut.
-   Zerquetschte, stark aufgeweichte Stücke (Brösel) und Stücke mit Asteinwuchs sind als Dendroproben unbrauchbar.
-      Astholz eignet sich gut für 14C-Datierungen (trotz geringer Grösse bitte mitnehmen).
-      Stücke mit 50+ JR sind gut für Wiggle Matching geeignet.


2) Entnahme

-     kein Kratzen mit der Kelle, sondern vorsichtiges „drumherum arbeiten“ (Probe kann ruhig mit etwas Erde entnommen werden).
-   „Holzkohlenester“ (viele Stücke konzentriert an einem Punkt wie in einem Verband) bitte gemeinsam und möglichst ungestört entnehmen

3) Verpacken

-      Einzelprobe = Einzel-FK (FK = Fundkomplex)
-     Nester u.ä. = Sammel-FK (in seltenen Fällen, wie beispielsweise Pareis I, trat so viel HK auf, dass man wegen der Menge für alle Stücke aus einem Abschnitt eine Sammel-FK wählte und sie später einzeln überprüfte → situationsabhängig).

-    I stabil und gepolstert in Alufolie einwickeln à nicht knüllen, sondern falten, da die Proben sonst nur schwer ausgepackt werden können; bei Gefahr eines Bruchs bitte Stütze aus Alufolie formen und eng um Probe legen; Alufolie erfüllt eine Doppelfunktion: Schutz vor Stössen und Austrocknung (grösste „Feinde“ der HK)!

-  II Probe sehr feucht → eingewickelte Probe in ein atmungsaktives Minigrip (gelocht) legen (Schimmelgefahr); wenn nicht, ist kurzfristig auch ein normales Minigrip ausreichend.

-   III Bei der Beschriftung, wenn JR gezählt/geschätzt, ungefähre JR-Zahl sowie intendierten Nutzen der Probe angeben, Bsp. JR 50+ Dendro.


4.    Im Feld: Anthrakologie


1) Erkennen

Wenn ihr bei der Arbeit schwarze Verfärbungen und HK-Flitter im Boden seht, haltet ein! Diese Stelle könnte sich für eine anthrakologische Bodenprobe eignen. Generell geht es um die Anzahl der Flitter/ HK-Stückchen im Boden sowie deren Grösse. Stücke bis zu einen Millimeter können unter Umständen noch bestimmt werden. Um sicherzustellen, dass genügend Fragmente für eine Auswertung vorliegen, muss ausreichend Sediment, in dem die HK gelagert ist, entnommen werden. Aber auch einzelne Fragmente und ganze Stücke sind für die Anthrakologie relevant. Es muss dann jeweils abgesprochen werden, worauf der Fokus liegt. In der Vergangenheit wurden viele anthrakologische Bodenproben aus unterschiedlichen Befundkontexten im OHS entnommen.

2) Entnahme

-  Achtung! Fragt euch zuerst, ob eure Stelle ausreichend Fundmaterial hergibt, um für eine Probe genutzt zu werden, denn: Bei einer Bodenprobe heisst die magische Zahl fünf Liter, wobei einige bei guter Fragmentzahl auch drei Liter empfehlen, bei schlechter aber sogar zehn!
-   Kratzt auf keinen Fall weiter mit der Kelle, um den Behälter zu füllen, da so HK weiter zerkleinert und das Ergebnis verfälscht wird (es entstehen auch Mehrkosten wegen der höheren Fragmentzahl)!
-      Mischt auf keinen Fall Erde aus verschiedenen Flächen bzw. Befunden!
-    Einige anthrakologische Samples werden auch aus Einzelstücken und durch Aufsammeln ohne Sediment gewonnen, was von der jeweiligen Strategie und Grösse der möglichen Fragmente abhängt und vorher im Dokumentationsteam besprochen werden sollte (dieser Abschnitt bezieht sich aber vor allem auf Bodenproben).


3) Verpacken

-     Benutzt stabile Kisten, notfalls reissfeste Müllsäcke, um die Proben zu verpacken.
-  Beschreibt die Proben mit wasserfestem Stift, auf keinen Fall mit Bleistift, da die hohe Feuchtigkeit die Zettel aufweicht (bei Müllsäcken legt ihr einen Zettel innen in die Probe und bringt aussen einen an → Zuordnung auch bei Verlust eines Zettels).
-      Lasst den Deckel der Kiste/des Sacks im Lager immer wegen der Schimmelgefahr geöffnet.


     5.    Zum Schluss

- Ein Blick hinter die Kulissen (Abb. 2) und voller (methodischer) Perspektiven (Abb. 3):
                                    Abb. 2: Der Arbeitsplatz des Dendorchonologen/Anthrakologen
           










Abb. 3: Tagungsbegleitband „anthraco 2015“ in Freiburg, Br. 



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